Predigt zu Pfingsten

Predigt zu Pfingsten:

Hier können Sie die Predigt, die Pfarrer Torsten Sommerfeld am Pfingstsonntag in der Auferstehungskirche und in der Emmauskirche gehalten hat, noch einmal nachlesen. Es geht um einen Besucher, der zunächst sehr seltsam agiert, dann aber für Überraschungen sorgt. Neugierig geworden? Lesen Sie selbst:

Johannes 14, 23-27

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin.

Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

 

Predigt am Pfingstsonntag 2015 über Johannes 14, 23-27

Liebe Gemeinde!

Bekommen Sie eigentlich gerne Besuch? Also, meistens freue ich mich darüber. Es ist mal was anderes als der immer gleiche Alltag, eine Abwechslung; besser, als mal wieder vor dem Fernseher hocken und durch die immer gleichen Programme zu hüpfen. Fremde, die lass ich ja nicht so gerne in meine Wohnung, aber wenn sich Besuch ankündigt, da freu ich mich. Doch, eine gepflegte Unterhaltung, etwas Spaß, interessante Themen, warum nicht. Da backe ich sogar einen Kuchen und bereite ein paar Schnittchen vor, mit Ei, Käse und Wurst, der Besuch soll sich ja wohl fühlen. Natürlich räume ich auch das Wohnzimmer auf, weg mit dem ganzen Gerümpel, ich will mich schließlich nicht blamieren.

Als der Besuch dann kommt, läuft auch alles ganz gut an. Es wird richtig gemütlich und wir lachen viel. Doch, es ist schon schön, wenn Besuch da ist. Der Abend wird spät, auf dem Schnittchenteller liegen schon seit einiger Zeit nur noch ein paar kümmerliche Gurkenreste herum. Aber am nächsten Morgen, da muss ich ja früh raus, die Arbeit wartet. Langsam wird es Zeit, ins Bett zu gehen. Erst unauffällig, dann immer deutlicher schaue ich auf die Uhr – keine Reaktion. Auch als ich laut gähne, selbst, als ich mir die Zähne putze und mir den Pyjama überstreife – nichts, der Besuch sitzt immer noch da, mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen.

Tja, schließlich ist es wirklich Zeit und ich gehe zu Bett, irgendwann wird der Besuch schon merken, dass es Zeit ist, und gehen. Doch als ich am nächsten Morgen aufstehe, sitzt der Besuch schon am Frühstückstisch, der Kaffee duftet. Immer noch mit freundlichem Lächeln wünscht er mir einen guten Morgen und bietet mir ein Brötchen an. Das Brötchen ist lecker und der Kaffee ist ausgezeichnet. Also sage ich nichts, ich bin ja ein höflicher Mensch. Vielleicht war am letzten Abend die letzte Bahn schon gefahren oder er hatte seinen Schlüssel vergessen, so dass er nur ein Quartier für die Nacht brauchte. Wenn ich von der Arbeit komme, ist er bestimmt gegangen.

Doch als ich nach Feierabend nach Hause komme, klebt neben meinem Namen ein zweiter Name an der Klingel. „T. Röster“ steht darauf. Darunter stehen einige Worte aus dem Evangeliumstext, den wir gerade gehört haben: „Und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“

Wie es aussieht, habe ich einen neuen Mitbewohner, wir sind wohl jetzt eine Wohngemeinschaft. Hoffentlich ist der Neue ein angenehmer Mitbewohner und hält sich an die Regeln, die in meiner Wohnung gelten. Bringt er auch den Müll runter und spült das Geschirr regelmäßig ab? Vielleicht sollte ich zur Sicherheit einen Putzplan aufhängen.

My home is my castle, sagt der Engländer, mein Heim ist meine Burg. Meine Wohnung, sie ist mein privates Refugium, meine Fluchtburg. Hier verstecken sich meine intimen Lebensbereiche. Hier kann ich mich auch mal hängen lassen, kann das ausleben, was ich draußen nicht so gerne zeige. Wenn ich will, kann ich sogar in der Nase bohren. Und nachts, da kann ich auch mal heimlich in die Kissen weinen, und keiner sieht und keiner hört es.

Wie soll das alles gehen, wenn doch jetzt der Mitbewohner da ist? Muss ich mich jetzt ständig zusammenreißen, kann ich jetzt noch nicht mal bei mir zu Hause einfach nur Mensch sein?

Ein wenig Angst und Beklemmung fühle ich ja schon. Muss jetzt immer alles aufgeräumt und sauber sein? Was ist mit meinen Schmuddelecken, den ganz privaten, ist da jetzt das große Ausmisten angesagt? Hoffentlich entpuppt sich der Mitbewohner nicht als ein Big Brother, der überall seine Augen hat und auch meine hässlichen und peinlichen Seiten ans helle Tageslicht zerrt.

Ich beschließe, meinem Mitbewohner erst mal zu zeigen, dass ich mich nicht zu verstecken brauche, ich bin ja schließlich wer!

Beim nächsten Gespräch bringe ich das Thema unauffällig auf meinen Beruf, meine fundierte Ausbildung, die Beförderungen, die ich schon geschafft habe. Ich lege stolz mein Hochschuldiplom auf den Tisch, dazu meine Lohnabrechnung, mein goldenes Sportabzeichen, meine Scheckkarte, meinen Segelschein und am Ende sogar noch den Karnevalsorden. Na, ist das nichts?

Mein Mitbewohner schaut mich an, nicht so beeindruckt, wie ich es mir gewünscht hätte, aber mit einem Glanz von Freundlichkeit in seinen Augen. Er schaut mich lange an und dann geht er in die Küche, fängt an zu kochen und pfeift ein Lied dabei.

Und ich, ich sitze da, vor mir auf dem Tisch die Beweise, dass ich es zu etwas gebracht habe. Vielmehr dachte ich immer, dass die Beweise dafür sind, dass ich wer bin, dass ich meinen Wert habe. Oft genug habe ich es doch gesehen, wie die Menschen behandelt werden, die kein volles Konto haben, kein Diplom, keine Arbeit; die zu alt sind, zu krank oder einfach nur zu traurig: Sie werden behandelt wie der letzte Dreck. Gerade mal ein mitleidiges Lächeln schenkt man ihnen, wenn die Sonne gerade scheint und man eh gute Laune hat. Aber sonst lässt man sie überdeutlich spüren, dass sie nichts wert sind, nutzloser Ballast der Gesellschaft. Aber ich, ich gehöre doch nicht dazu, ich hab es doch geschafft, ich hab mir mein Ansehen hart verdient. Ich bin doch wer, oder?

Mein Mitbewohner werkelt mittlerweile geschäftig in der Küche herum, es riecht schon verlockend. Ich höre, wie er ein Lied singt, einen alten Song der Beatles. „All you need is love, all you need is love, love, love is all you need.“ Alles, was du brauchst, ist Liebe – alles, was du brauchst, ist Liebe. Ich höre das Lied, und auf einmal schaut mich sogar mein lustiger Karnevalsorden trostlos an. Ist das wirklich alles, was da vor mir auf dem Tisch liegt? Ist das mein Leben?

Aber da kommt mein Mitbewohner herein. Er hat Suppe gekocht, heiß und kräftig. Schnell räume ich den Tisch leer. Zu der Suppe essen wir Brot und trinken roten Wein. Es tut gut, so da zu sitzen; die Suppe füllt den Magen, wir teilen das Brot und trinken gemeinsam den roten Wein. Es tut so gut, es ist so tröstlich, so unglaublich tröstlich. Es ist so, als ob ich mit jedem Bissen Brot, mit jedem Schluck des roten Weines eine unendliche Wertschätzung in mich aufnehme, eine Wertschätzung, die nicht davon abhängig ist, was ich leiste oder was ich besitze. Sondern eine Wertschätzung, die darin beruht, dass ich bin, dass ich angenommen bin, dass ich geliebt werde.

Ja, und darum nenne ihn auch den Tröster, meinen neuen Mitbewohner. Ich weiß, es klingt ein wenig sentimental, aber das ist er wirklich, ein Tröster. Irgendwie ist er immer dann an meiner Seite, wenn mir in den so verständlichen Ängsten und Schrecken des Lebens die Argumente der Hoffnung ausgehen.

Wissen Sie, es ist nicht so, dass wir immer und überall alles zusammen machen, so eine Wohngemeinschaft sind wir nicht. Manchmal vergesse ich fast, dass er da ist, denn er ist wirklich nicht aufdringlich, mein neuer Mitbewohner. Aber ich will ihn nicht mehr missen. Denn mit ihm, da ist meine Wohnung irgendwie wohnlicher geworden. Ich bin mehr bei mir zu Hause, ich fühle mich so geborgen.

Mit ihm ist ein neuer Geist in meine Wohnung gezogen. Und mit diesem neuen Geist, da verändere ich mich auch selber. Wissen Sie, ich weine immer noch manchmal nachts in mein Kopfkissen, wenn das große Lebenszittern über mich kommt. Aber ich weiß ja von meinem Tröster, der irgendwie da ist, der für mich da ist, der mich hört und mir wieder Vertrauen ins Leben schenkt. Einfach dadurch, dass er zuhört und mir zu verstehen gibt: Du bist nicht allein. Dann ist es so, als ob der Geist der Hoffnung und des Mutes durch meine Wohnung weht.

Oder manchmal, da schaue ich mir die eine oder andere Schmuddelecke in meiner Wohnung an, die ich mir schon lange mal ansehen und aufräumen wollte, aber irgendwie gewöhnt man sich ja an alles, selbst an das, was mich eigentlich stört. Na ja, und es passiert dann auch, dass ich die Ärmel aufkrempele und aufräume. Auch wenn das immer bedeutet, dass ich mich von einigen Dingen trennen muss, die mir vertraut geworden sind, es tut gut, mal aufzuräumen und etwas Neues anzufangen. Dann ist es so, als ob der Geist der Kraft und der Freiheit durch meine Wohnung weht.

Und meine Haustür steht jetzt auch häufiger offen. Ich lasse jetzt auch Leute zu mir hinein, die ich vorher wahrscheinlich nicht mal angesehen hätte. Wir essen oft zusammen, mit Brot und rotem Wein, und es passiert immer öfter, dass wir uns ansehen mit der gleichen grundlosen Freundlichkeit und Wertschätzung, mit der uns unser Tröster ansieht. Und manchmal, da feiern wir ein lautes Fest mit Tanz und Gesang. Am liebsten singen wir diesen alten Song von den Beatles: All you need is Love, all you need is love, love, love is all you need. Dann ist es so, als ob der Geist der Offenheit und der Gemeinschaft durch meine Wohnung weht.

Nein, ich möchte ihn nicht mehr missen, meinen Mitbewohner und den Geist, der mit ihm eingezogen ist. Manchmal legt er mir kleine Zettel hin, die lese ich dann, wenn ich aufstehe. Heute Morgen lag wieder einer da. Auf dem Zettel steht ein altes Gedicht aus dem Mittelalter, von Joachim von Fiore. Es heißt: Pfingsten:

Vonnöten ist, dass wandle

Unser Denken der Heilige Geist.

Damit wir nicht jetzt sind,

was wir waren,

sondern beginnen, andere zu sein.

Vonnöten ist es, zu verändern

Das Leben, da notwendig zu ändern

Der Zustand der Welt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.