Predigt zu Römer 12,1-8
Die Predigt von Pfarrerin Sybille Noack anlässlich ihrer Einführung in der Dreifaltigkeitskirche
11. Januar 2009
Lesung Römer 12,1-8:
Das Leben als Gottesdienst
Ich ermahne euch nun, liebe Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Die Gnadengaben im Dienst der Gemeinde
Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, daß niemand mehr von sich halte, als sich's gebührt zu halten, sondern daß er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.
Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß.
Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er.
Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern.
Predigt:
Gnade sei mit euch, von dem der da ist, der da war und der da kommt!
Liebe Gemeinde, als Kinder hatten wir ein Spiel, bei dem wir uns ausgemalt haben, wo wir in 10 oder 20 oder noch mehr Jahren stehen.
Es war deshalb ein Spiel, weil es nichts Sorgenvolles hatte, sondern eher eine freudige Erwartung dessen, was da kommen würde, enthielt:
„Dann haben wir keine Schule mehr, dann kann ich endlich so lange weg, wie ich will, dann habe ich eigenes Geld.. usw. „
Dass es dabei auch Sorgen geben könnte, dass Erwachsensein nicht immer die große Freiheit bedeutet, war nicht Inhalt des Spiels.
Für Erwachsene gibt es diese Frage immer noch – jedoch selten so leicht gestellt wie damals. Da kommt manchmal auch ein ängstlicher oder sorgenvoller Unterton mit hinein.
Was wird sein in der kommenden Zeit?
Wie geht es weiter?
Wie wird alles werden?
Wo stehe ich, wo stehen wir in 10 Jahren?
Fragen, die uns immer begleiten, auch jetzt, denn
sie begleiten natürlich auch einen Anlass wie den heutigen.
Ich hoffe, nicht nur sorgenvoll – aber die Entwicklungen in unseren Kirchen, in unserer Gemeinde aufgrund von Sparzwängen lässt den Optimismus manchmal in der Skepsis untergehen.
Wo wird die Kirche in der Zukunft hinsteuern?
Wie können wir Gott in einer hochsäkularen
Gesellschaft dienen?
Was sind unsere Aufgaben?
Die Fakten bieten durchaus Anlass zur Sorge, denn
die Mitgliederzahlen gehen zurück, die Gelder werden weniger. Die Suche nach Sinn ist zwar groß, aber immer mehr auf andere Anbieter konzentriert.
Nicht selten hört man den Seufzer: „Früher war alles besser…“
War es das?
Hat die bundesrepublikanische Gesellschaft vor 40 Jahren mehr geglaubt?
War das Deutsche Reich im 16 Jh. frömmer und gottergebener?
War die Welt zu der Zeit der Weltkriege moralisch gefestigter?
Oder war es so, dass nur die Verzahnung zwischen Staat und Kirche besser klappte und niemand in das Machtgefüge einzugreifen wagte. Häufig zu großem
Unheil der Menschheit und oft sicher nicht
im Geiste Christi.
So jedenfalls beurteilt der Theologe Fullbert Steffensky die Situation damals.
Er geht sogar noch weiter und sagt:
„Darum ist es ein Glück und eine Freiheit, dass wir nie mehr Kirchen bauen können, wie wir sie gebaut haben: dass wir von den Mächtigen des Landes nie mehr hoch geachtet werden, wie wir geachtet wurden, und dass die Kirchen ihre alte Selbstverständlichkeit verloren haben…. Die Kirche ist kleiner geworden und die Kirche ist schöner geworden.“
Tja, liebe Gemeinde, das ist schon mehr als provokativ.
Wenn der Gottesdienst immer seltener besucht wird, wenn die schwindenden Mittel Kürzungen erzwingen, die schmerzvoll und den Gemeindemitglieder nur schwer zu vermitteln sind, wenn gute Arbeit nicht weitergeführt werden kann, weil niemand da ist, der sie tut, – mir das alles schön zu reden, das fällt mir schwer.
Trotzdem ist seiner Idee von dem, was Kirche heute sein soll, Beachtung zu schenken, denn sie greift auf, was auch Paulus in seinem Brief an die Römer formuliert hat.
Paulus sieht die Zukunft der Gemeinde – eine Kirche gab es zu seiner Zeit noch gar nicht - darin, sich mit Leib und Seele dem Dienst an Gott zu stellen.
Nicht den allgemeinen Trends nachzulaufen sondern darauf zu achten, was fehlt oder was einem menschenwürdigen Leben widerspricht.
Zuerst aber geht es darum, für sich selber zu prüfen, was Gottes Wille ist.
Der Maßstab ist das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene und das hat nichts mit Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Gewalt zu tun.
Steffensky übt scharfe Kritik an den Versuchen der Kirchen, sich den modernen Trends der Sinnsuche, bei denen es häufig um weichgespülte Wellnessangebote für den Einzelnen geht, anzuschließen, dabei aber die Botschaft Christi zu verschweigen.
Ob man ihm darin folgen will, ist diskussionswürdig.
In einem aber kann ich ihm uneingeschränkt beipflichten - dass ist die Kritik daran, dass wir uns nicht eindeutig genug auf unseren eigenen Weg konzentriert haben.
Für die Insider der Kirche war sicher immer klar, worauf sich unser Handeln und Glauben stützt – aber für die Welt sind wir anscheinend immer profilloser geworden.
Steffensky sieht das Problem in allen Kirchen, ich kann es zumindest für die unsere bestätigen, denn wir haben erst in den letzten Jahren wieder angefangen, von Gott und unserem Glauben zu sprechen.
Lange Zeit, war das nicht wirklich Thema – es war natürlich da, aber es gab keinen richtigen Ort um vom eigenen Glauben zu reden.
Wir haben über alles Mögliche gesprochen, die Weltpolitik, die Wirtschaft oder über therapeutische Maßnahmen als Hilfe für den Einzelnen – alles Themen, die angesprochen gehören, auch in der Kirche.
Aber vielleicht haben wir dabei vergessen zu sagen, vor welchem Hintergrund wir darüber sprechen.
Vor allem aber, und das ist vielleicht die größte Sünde, haben wir vergessen zu sagen, was uns Mut macht – und waren wir selber vielleicht zu oft mutlos.
Darin besteht aber unsere Funktion – Kirche, Christen und Christinnen stehen für Hoffnung und Zuversicht, gerade wenn gemahnt und geklagt wird.
Auch wenn wir dafür belächelt werden, wird es doch erwartet – wer, wenn nicht wir, soll denn von der Hoffnung sprechen?
Unser Glaube ist paradox.
Christus, der Sohn Gottes, weiß um sein Ende und spricht dennoch vom Leben, von der Liebe und von der Vergebung.
Er will uns Mut machen, gegen die Hoffnungs-losigkeit an zu hoffen – nicht infantil, nicht trotzig, sondern getragen von der Verheißung, dass bei Gott nichts unmöglich ist.
So zu glauben wäre lehrbuchmäßig – aber als Christen und Christinnen sind wir eben auch
nur Menschen…
Ich denke aber, dass ein vernünftiger Gottesdienst – von dem Paulus hier spricht – ebenfalls Platz für die Ambivalenzen unseres Glaubens lässt.
Deshalb ist christliches Leben ohne Gemein-schaft auch schwierig, wir blieben an uns
selber hängen, sobald der Zweifel nagt.
In der Gemeinschaft lässt sich erfahren,
was es heißt, Fehler zu machen und dennoch
geliebt zu werden, und was es bedeutet, aus der Orientierungslosigkeit wieder auf einen klaren Weg zurück zu finden. Vernünftiger Gottesdienst findet demnach nicht nur am Sonntagmorgen statt, sondern in jeder Minute des Lebens.
Als Kirche sind wir dafür da, die Liebe Gottes, wie sie Christus für die Welt sichtbar gemacht hat, lebendig zu machen. Als Einzelpersonen würden wir uns daran krank arbeiten, aber in der Gemeinschaft ist das möglich.
Die Pfarrer und Pfarrerinnen sind dabei erstmal auch nur ganz normale Mitglieder der Gemeinde, die Paulus als ein Leib in Christus beschreibt.
Es gibt für Gott keine Hierarchie der Glaubenden. Jeder und jede ist gefragt und wichtig,
die Randständigen, die der Stachel im Fleisch sind mit ihrem Zweifel,
die Überzeugten, die Antworten geben können,
die Suchenden, die alles in Bewegung halten,
die Traurigen, die dafür sorgen, dass wir nicht in dummer Fröhlichkeit stecken bleiben.
Kirche von heute ist keine Schafherde mehr, die geleitet werden muss, Kirche von heute seid ihr – sind wir.
Wir alle stehen gleichermaßen in der Verantwortung, Gottes Willen zu erfüllen und damit ihm und unserem Nächsten zu dienen.
Dazu brauchen wir erst einmal nur unser Herz und unseren Glauben.
Nicht äußere Umstände oder innere Strukturen können uns davon abhalten.
Was wir tun sollen, steht in den Geboten, wie wir leben sollen, lehrt uns Christus.
Und Paulus führt es in der Fortsetzung des Römerbriefes so aus:
„Die Liebe sei ohne falsch.
Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist.
Übt Gastfreundschaft.
Segnet, die euch verfolgen; segnet und flucht nicht.
Seid eines Sinnes untereinander.
Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.
Ist es möglich, soviel an euch liegt. Habt mit allen Menschen Frieden.“
Das ist das Einzigartige an der Botschaft Christi – es gibt keinen Grund, beim Unvollkommenen und Bösen, beim Vergangenen und Toten zu verharren, denn Gott hat uns mit der Auferstehung seines Sohnes zu verstehen gegeben, dass es immer ein Morgen gibt.
Damit haben wir auch heute noch etwas Großartiges anzubieten – tun wir es!
Und der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen
Bilder von der Einführung finden Sie hier.