Predigt am Reformationstag 2010

Predigt zu Philipp Melanchthon und Römer 8,31

von Pfarrerin Uta Walger

31. Oktober 2010                                                                            

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Schöpfer und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen.

Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?  (Römer 8,31)

Liebe Gemeinde,

haben wir heute Konfirmanden und Konfirmandinnen da? Jahrgang 97 seid ihr. 13 Jahre alt. Junge Leute, Schüler und Schülerinnen auf dem Weg ins Erwachsen werden.

Vor genau 500 Jahren gab es einen 13 jährigen Jungen: Philipp, Phlipp Melanchthon. Auch er Jahrgang 97, aber eben nicht 1997 wie ihr, sondern 1497. Geboren in Bretten, das liegt in der Nähe von Karlsruhe. Aber jetzt lebte er in Heidelberg.

Philipp war klein und schmächtig, Und er war ein Musterschüler – hochbegabt nennt man das heute.
Mit 12 Jahren kam er an die Universität, war also mit 13 Jahren schon Student im 3. Semester. Er glänzte in Latein und in Griechisch, er schrieb Gedichte und Reden. Er war der Beste seines Jahrgangs.

(Geburtshaus Melanchthons in Bretten)

So wie ihr heutzutage Harry Potter oder Twilight lest, so verschlang er lateinische und griechische Klassiker. Hebräisch lernte er später auch noch, um die biblischen Schriften im Original lesen zu können.

Was ihn besonders interessierte - und darin war er genau so wie ihr jungen Leute heute - das waren gute Geschichten: über das Leben, über Liebe und Tod, über Gott und die Welt. Zeit seines Lebens ist das so geblieben. Und er fragte bei dem, womit er sich beschäftigte: Was nützt es? Was bringt es den Menschen?

Ihn interessierte z.B. überhaupt nicht die Frage,
die damals an Universitäten heiß diskutiert wurde: was passiert, wenn eine Maus in der Kirche eine Hostie anknabbert – also das in der Messe in den wahrhaftigen Leib Christi gewandelte Brot: was
wird aus dem Leib des Herrn dort im Mausemagen? Das trieb Theologen damals zu gelehrten Höhenflügen. Philipp Melanchthon fand das langweilig, ja, er fand es richtig ärgerlich, seinen Verstand mit so etwas Sinnlosem zu verschwenden.

Für ihn hatte Wissen etwas mit dem Leben zu tun, und gerade auch das Moderne und Neue zog ihn
an. Bildung muss sich um das kümmern, was wir täglich erleben, und darum, wie Gott uns sieht. Sinnloses Wissen war Philipp ein Gräuel. Und
Bildung hört nicht auf nach Schule und Studium,
zu lernen bleibt wichtig ein Leben lang, das war
seine feste Überzeugung.
                                                           (Philipp Melanchthon - Lukas Cranach d. Ältere)

Ich bin sicher, wenn Philipp Melanchthon heute leben würde, er säße die halbe Zeit vor dem Computer, würde die neuesten Medien haben und benutzen, so wie er damals  den neu aufkommenden Buchdruck, die Flugblätter und Schriften zu schätzen und zu nutzen wusste.

Die andere Hälfte seiner Zeit würde er vor und mit Menschen sprechen. Nicht von der Kanzel, denn er war kein Priester. Sondern im Klassenzimmer, im Hörsaal, zu Hause mit Gästen aus aller Welt und unterwegs – immer als Lehrer und Lernender zugleich.
Aber noch ist Philipp Student, erst in Heidelberg, dann in Tübingen.

Szenenwechsel – in diesen Jahren, drei- / vierhundert Kilometer weiter im Nordosten, ringt ein Mönch mit seinem Gewissen: Martin Luther fürchtet sich vor Gott. Er fühlt sich als sündiger Mensch so abgrundtief verloren, dass er keine Chance sieht, der Hölle zu entkommen. Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Ist Gott für uns? Nein, denn er ist gerecht und muss uns bestrafen. Statt ins Paradies kommen wir in die Hölle – Luther fühlt nur Angst und Schuld. „Ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil, ich hasste ihn sogar.“ So schrieb Luther über jene Zeit.

Die Sehnsucht nach Frieden mit Gott lässt Luther die heiligen Schriften immer wieder neu lesen, bis er im Brief des Paulus an die Römer erkennt, dass er bisher auf einem ganz falschen Weg war: es geht gar nicht um gerechte Urteile. Es geht um Gnade. Nicht Geld, nicht gute Werke führen zu Gott hin.

Vielmehr kommt der gnädige Gott zu uns, und wenn wir auf seine Liebe vertrauen, dann können wir auch gute Werke tun. Zur Ehre und zum Lobe Gottes. Der Gerechte wird aus Glauben leben! Und die Hölle müssen wir nicht mehr fürchten, sie bleibt kalt.

(Lutherrose - Quelle Wikipedia: Daniel Csörföly)

Den jungen Melanchthon ficht das alles nicht an. Er kommt aus einem frommen Haushalt. Bei Gott fühlt er sich gut aufgehoben. Er fürchtet vielmehr Dummheit und Krieg, Gier und Zorn der Menschen. Den Krieg hat er als kleiner Junge in seiner Heimatstadt fürchten gelernt, sein Vater ist an den Folgen des Krieges gestorben. So bleibt er zeitlebens ein friedliebender Mann, für den Bildung der Weg zu einer besseren Gesellschaft ist, nicht Gewalt oder Krieg.

Philipp ist 21 Jahre alt, als er Professor wird. Er hat einen Lehrstuhl für Griechisch bekommen. In Wittenberg! Er ist nun also Kollege von Martin Luther – der ist übrigens 14 Jahre älter als Philipp und hat im Jahr zuvor seine 95 Thesen gegen den Ablass an die Tür zur Wittenberger Schlosskirche genagelt.

So richtig gewachsen ist Philipp nicht in den vergangenen Jahren. Er ist immer noch klein und schmächtig, gerade mal 1.50 Meter groß. Das mag wohl auch daran gelegen haben, dass er das Essen oft einfach vergaß. Ihm war das nicht wichtig – er brauchte Futter für den Geist, nicht für den Körper.

Die Studenten – Studentinnen gab es damals leider noch nicht – die Studenten machten Witze über diesen kleinen Professor, der aussah wie ein Junge.
Aber das machten sie nicht lange. Nicht dass er drohte oder strafte, nein, er schaffte es, sie mit seiner Begeisterung anzustecken. Er war einfach gut, sehr gut sogar. Auch Luther war begeistert von diesem gelehrten jungen Kollegen.

Und Melanchthon? Der lässt sich begeistern von Luther und seiner Art, die Bibel zu lesen, von der Weise, Gott neu zu glauben und auf die Gnade zu vertrauen. Das lässt ihn nicht los.

Bald verbindet Freundschaft die
beiden, sie werden Weggefährten
auf dem schweren Weg, den die Reformation der Kirche nun nimmt.
Die offizielle Kirche will nämlich
nicht reformiert werden, und die Probleme der Reformatoren werden bedrohlich. Luther nimmt seine
Thesen nicht zurück – ist ein Ketzer
in den Augen der Altgläubigen. Das
ist kein Spaß, das ist kein gelehrter Disput, das ist tödlicher Ernst.

Aber: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?
                                                                  (Studierzimmer Philipp Melanchthons)

Und Melanchthon wird seinen Verstand, sein Wissen und seine Kraft in den Dienst der Reformation stellen. Er ist mit Leib und Seele ein Lehrer und ein Christ. Und seine Gedanken sind auch heute noch modern: Jeder Mensch braucht Bildung, soll selber denken und sagen lernen, was ihm wichtig ist im Leben. Vor allem: Religion und Bildung gehören zusammen, denn nur gebildete Religion ist heilsam. Sonst gibt es Radikalismus und Fundamentalismus – ein Problem, damals wie heute.

Also: neugierig durch das Leben gehen. Selber sagen können: Woran hängt mein Herz? Was ist mir so wichtig, dass ich auch dafür einstehen mag? Alle an Bildung teilhaben lassen: die Jungen und die Alten, die Armen und die Reichen, Mädchen und Jungen. Jeder Mensch ist zugänglich für Bildung. Und nicht so, wie Thilo Sarrazin es aktuell behauptet, dass es Gruppen gibt, die das nicht sind. Da war Melanchthon damals schon viel moderner. Bildung darf nicht elitär sein, sondern jeder hat ein Recht darauf.

Melanchthon kämpfte dafür, dass es Stipendien
für Bauernjungs gab, Unterricht auch für
Mädchen. Und der Erfolg sollte sich nicht an
festen Normen ausrichten, sondern daran,
was dem einzelnen Menschen möglich ist.

Am Ende seines Lebens war Melanchthon
müde: Ich bin oft an meine Grenzen gestoßen!
Er wünschte sich eine andere Art des Umgangs,
war die ewigen Streitgespräche und Debatten leid.

Er hat die Spaltung der Kirche nicht verhindern können, aber er hat uns doch etwas über alle Konfessionen hinweg mitgegeben: er wurde der Lehrer Europas mit seinen Gedanken zur
Bildung, er suchte Frieden und Ausgleich - und immer das Gespräch.

Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?
Von diesem Vers aus dem Römerbrief hat er
noch kurz vor seinem Tod geträumt und darin seinen Frieden gefunden: Gott ist für uns, nichts           (Philipp Melanchthon -
kann uns hindern.                                                            Lucas Cranach d. Jüngere) 

Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.                                             (Römer 8,38f)

Amen.