Texte und Predigt: Krummes Holz - aufrechter Gang

Gottesdienst in der Auferstehungskirche

gehalten am 17. Mai 2009

Die Texte sind ausgewählt und entstanden im Rahmen eines Projektes in der Justizvollzugsanstalt Ossendorf zu Helmut Gollwitzers Buch "Krummes Holz - aufrechter Gang" im März 2009

Am 17. Mai wurde in der Auferstehungskirche ein Gottesdienst mit Gästen aus der JVA gefeiert und die Bilder ausgestellt. Texte, Bilder und Predigt des Sonntags können Sie hier nachlesen.

 

Helmut Gollwitzer - 9 Thesen

Strahlende Augen beglücken das Herz; gute Nachrichten beleben den Leib.                                                                                                         (Sprüche 15,30)

 

Lukas 13 (13,10–13, 17b)

Die Heilung der verkrümmten Frau am Sabbat

Und er lehrte in einer Schule am Sabbat. Und siehe, ein Weib war da, das hatte einen Geist der Krankheit achtzehn Jahre; und sie war krumm und konnte nicht wohl aufsehen. Da sie aber Jesus sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Weib, sei los von deiner Krankheit! Und legte die Hände auf sie; und alsobald richtete sie sich auf und pries Gott. und alles Volk freute sich über alle herrlichen Taten, die von ihm geschahen.

 

Wir sind nicht allein !

Bei mir sind über 60 Frauen im Haus und doch fühle ich mich allein.
Ich höre zwar alle reden, aber keine sagt wirklich etwas.
Alle lachen, doch es kommt nicht von Herzen.
Die Augen, die ich sehe, sind leer und ohne Ausdruck;
das Strahlen fehlt.

Gefühle werden hier versteckt,
nur Hass und Ärger werden offen zur Schau getragen.
Der eine ist cooler als der andere,
doch allein auf Hütte fließen die Tränen.
Klar, keiner will seine Schwächen zeigen und somit Angriffsfläche bieten.
Aber können wir so glücklich sein?
Jeder braucht jemanden, dem er vertrauen kann,
dem man seine Sorgen, Nöte, Ängste und Wünsche anvertrauen kann.
Aber wem?

Ich denke da nicht anders.
Ich habe auch lange gesucht und dann jemanden gefunden, dem ich alles sagen kann, und ich weiß es bleibt bei ihm.
Ich kann seine Antworten nicht hören und doch spüre ich sie.
Ich kann ihn nicht sehen, aber ich weiß, er ist immer da.
Ich bin nicht allein und ihr müsst es auch nicht sein. Im Gebet.

 

Wir sind geliebter als wir wissen

In schlechten Zeiten,
besonders wenn die Verzweiflung herrscht
und man sich allein fühlt, wünscht man sich,
es könnte vielleicht so etwas wie einen Engel an seiner Seite geben

der zu Dir sagt: Hab keine Angst!

der zu dir kommt in einem Brief,

der zu Dir kommt in einem Telefonanruf,

der zu Dir kommt mit einem freundlichen Blick,

der zu Dir kommt und Dir sagt, dass Du wertvoll bist,

der dir ein Licht anzündet, wenn es ganz dunkel ist,

der mit Dir weint, wenn Du Dich am Boden fühlst,

der mit Dir Lasten teilt,

der Dir zuhört, wenn Du ein offenes Ohr brauchst

oder der einfach nur aus der Ferne an Dich denkt

und Dich ohne Vorbehalte gern hat.

Love is devine! Liebe ist göttlich!
Diesen so genannten Engel kannst Du Dir leider nicht kaufen.
Und Du brauchst Dir das nicht weiter zu wünschen,
weil Du einigen bestimmt - bewusst oder unbewusst – schon begegnet bist.
Und es wird auch weitere solche Begegnungen für Dich geben,
denn: wir sind geliebter als wir wissen.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Schöpfer und unserem Herrn Jesus Christus.

Womit bekommt man zu tun, wenn man es mit dem Evangelium zu tun bekommt?

18 Jahre lang nicht aufrecht stehen, 18 Jahre lang verkrümmt sein! Schmerzen? Leid? Vielleicht – ganz bestimmt – ich weiß es nicht, der Bibeltext von der verkrümmten Frau im Lukas Evangelium sagt nichts darüber. Aber ich stelle mir vor, wie es sein muss, verkrümmt zu sein – das Schauen, so verkrümmt von unten her, und das Angeschaut werden; jedes Tun und selbst das Lassen; das Sprechen und das Schweigen; das Hoffen und das Hadern; das Beten und das Fluchen. Ob es nach 18 Jahren noch Hoffnung auf Heilung gibt?

Im vergangenen Winter wäre Helmut Gollwitzer 100 Jahre alt geworden. Ein kleiner Mann, unspektakulär anzusehen, aber einer, der viele Menschen bewegt hat, der viele Menschen aufgerichtet hat durch das, was er als Christ glaubte, lebte und lehrte.
Nach dem Krieg wurde er sehr bekannt mit seinem Buch: „Und führen, wohin du nicht willst“ – darin verarbeitete er die Erfahrungen aus den Jahren seiner Kriegsgefangenschaft in Russland. Er half damals vielen Menschen, die es lasen, mit schwierigen Lebenslagen zurecht zu kommen:

- Wir werden oft einen Weg geführt, den wir eigentlich nicht gehen wollen

- Wir werden darin Menschen ausgesetzt, mit denen wir nicht zusammen sein wollen

- Auch in solchen Lebenssituationen ist Gott nicht ganz entfernt,
  sondern ‚bewahrt’ und   behütet uns.

- Und auch die Feinde sind keine „Untermenschen“,
  sondern Leute mit menschlichem Antlitz

„Krummes Holz – aufrechter Gang“ – das ist der Titel eines Buches, das 20 Jahre später entstanden ist. Inzwischen ist Gollwitzer Theologieprofessor in Berlin, seine Studenten stellen unbequeme Fragen. Die Zeiten sind unruhig, damals Ende der 60er Jahre. Gollwitzer stellt sich den Fragen, lässt sich ein auf die jungen Leute und ihre Kritik. Das Buch sammelt diese Erfahrungen und Gespräche, nimmt die Fragen auf.

Mit dem Titel ist gemeint, dass Menschen oft gedemütigt werden, dass sie nicht schaffen, was sie sich vornehmen. Krummes Holz: verkrümmt sein, sich für etwas krumm legen, krumme Dinger drehen, sich krumm arbeiten, schief liegen, ohne Rückgrad sein.
Aufrechter Gang: aufrichtig, aufgerichtet, gerade heraus, seinen Mann oder seine Frau stehen, einstehen für etwas, Auge in Auge, mit Stolz, mit Sinn im Leben - man kann es lernen, jeder und jede kann es lernen. Und gerettet werden – wie die gekrümmte Frau aus dem Lukasevangelium durch Jesus aufgerichtet wird.

Damit bekommt man es zu tun, wenn man es mit dem Evangelium zu tun bekommt.

Davon handelt Gollwitzers Buch:
Die Thesen, die wir gehört haben und die Sie dort mit den Bildern sehen, sind der Extrakt aus seinem Buch. Sie sind die Kurzfassung für ungeduldige Frager, die nach dem Sinn des Lebens fragen. Diese Thesen sind und bleiben aktuell, auch wenn Gollwitzer schon gestorben ist und die jungen 68er von damals inzwischen älter und grau geworden sind. Das haben wir bei unserem Projekt in der JVA deutlich gemerkt.

„Die Welt ist herrlich - die Welt ist schrecklich“


Das ist eine von Gollwitzers Thesen, und sie entspricht dem, was viele von uns oft empfinden: Wie können wir leben mit solchen Gegensätzen?

In dem Projekt haben mehrere Teilnehmende sich diese These ausgesucht als es darum ging, sich einen aus den 15 Sätzen Gollwitzers auszusuchen.
Ein weiterer Satz Gollwitzers drückt etwas ähnliches aus:
„Es kann mir nichts geschehen - ich bin in größter Gefahr“

Eine Welt voller Gegensätze, besonders in einem Gefängnis spürbar, wenn dicke Schlüsselbunde rasseln, wenn Gitter und Beton einen umschließen, wenn andere über einen bestimmen. Selbst für mich als Besucherin war es erdrückend.

In den Bildern sehen wir die beiden Seiten: Licht und Dunkelheit, Wachstum und Zerstörung. Gebrochene Herzen, Blumen, einen Sarg. Ausdruck unserer Ängste und Sorgen, Hoffnungen und Freuden.

Wir haben uns in den Projekttagen davon erzählt, und es war deutlich, dass wir diese gegensätzlichen Erfahrungen alle teilen.
Die Erfahrung von Glück: wenn die Weite der Natur so schön ist, das es uns den Atem raubt, wenn Liebe gelingt, wenn wir etwas planen und erfolgreich sind, wenn wir lachen aus purer Lebensfreude.

Und die Erfahrung von Unglück: wenn Dreck und Zerstörung zum Himmel schreien oder uns Mauern aus grauem Beton gefangen halten, wenn Liebe abgewiesen wird und sich in Leid oder Hass wandelt, wenn unsere Pläne misslingen und unser Leben einem Scherbenhaufen gleicht.

Ja, die Welt ist herrlich und die Welt ist schrecklich. Wie kann ich leben in so einer Welt? Wo ist der Sinn meines Lebens?

„Alles, was wir tun, hat unendliche Perspektiven - Folgen bis in die Ewigkeit; es hört nichts auf“

Hier liegt die Antwort: indem wir den Horizont weiter machen. Wir müssen nicht in jedem Tag und in jedem Tun Sinn finden. Manches erschließt sich erst, wenn der Blick in die Weite und in die Zukunft geht.
Und wenn mit dieser Perspektive Gott in den Blick kommt, können wir leben: auf Hoffnung, im Vertrauen auf sein Versprechen.
„Wir kommen aus Licht und gehen in Licht“

Gott hat uns als Kinder des Lichts geschaffen und will uns ins Licht führen.

Und wir werden aufgerichtet gehen, nicht krumm, denn so hat Gott uns gewollt und gemeint. Wie die gekrümmte Frau, die sich nach ewig langen Jahren wieder aufrichtet.
Nicht verzweifeln, nicht verzagen, aus Hoffnung leben und die Brüche aushalten!

Gollwitzer hat es so ausgedrückt: „Die Sinnfrage wird uns in allen ihren Formen – warum Übel, warum Leid, Tod usw. – nicht einfach im Evangelium beantwortet, sondern die Antwort wird uns erst verheißen. Durch diese Verheißung können wir leben, ein Leben mit ungelösten Fragen. Mit ungelösten Fragen leben, das scheint mir eigentlich das Wichtigste.“

Man muss mit ungelösten Fragen leben können.
Denn: "Wir sind geliebter als wir wissen“ und „Es lohnt sich zu leben!“

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt und Photos: Pfarrerin Uta Walger