Predigt am Hirtensonntag 2010
Auferstehungskirche 18. April 2010 Pfarrerin Uta Walger
Gottesdienst zur Verabschiedung von Christina Schlitzke
Am 18. April, dem 2. Sonntag nach Ostern, wurde Christina Schlitzke, Leiterin der ev. Kindertagesstätte Görlinger Zentrum, in einem Gottesdienst in der Auferstehungskirche aus ihrem langjährigen Dienst verabschiedet. Hier lesen Sie die Predigt von Pfarrerin Uta Walger, weitere Auszüge aus dem Gottesdienst finden Sie hier.
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Schöpfer, und unserem Herrn Jesus Christus, amen.
1. Petrus 2,21-25
V. 21: Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
V. 25: Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Liebe Gemeinde,
hier in der Mitte vor dem Altar sind sie zu sehen: unsere Schäfchen. Für die Kindergottesdienste habe ich sie gesammelt. Kleine und große, eine ganze Herde.
An Heiligabend hatten wir sie zum Krippenspiel da, da hüteten die Hirten diese Schafe. Und im Krabbel-gottesdienst sind wir durch die Kirche gelaufen, haben gesucht und gerufen nach dem einen kleinen Schaf, das verloren gegangen war. Die Kinder spielten die Geschichte vom guten Hirten, der seinen Schäfchen nachgeht und nicht aufgibt, bis er alle wieder beieinander hat. Wie gut, wenn auch wir so beschützt werden.
Christus, der Hirte und Bischof unserer Seelen, wie es im Brief des Petrus in unserer Lesung heißt. Und wir sollen ihm nachfolgen, in seinen Fußstapfen. Die Verlorenen suchen und die Herde beschützen. Gott gibt keines von seinen Schäfchen verloren, auch wenn es in die Irre geht. Es ist ein wunderbares Bild von den Schafen und dem guten Hirten. Ein bisschen romantisch, ein bisschen kitschig.
Und wie ist es in Wirklichkeit? Wie ist die Nachfolge in den Fußstapfen Jesu? Viele gute Hirten?
Doch, ja, es gibt viele Hirten. Aber auch gute Hirten? Vorbilder? Menschen die glaubhaft sind? Die uns den Weg weisen können?
Als ich ein Kind war, kam bei uns zuhause oft ein Schäfer mit seiner Herde in die Nähe. Wir Kinder waren begeistert, wenn er kam. Er hatte einen Hirtenstab, auf den er sich stützte, wenn er so träumend bei seiner Herde stand. Das Besondere an diesem Stab war, dass er oben so eine kleine Schaufel aus Metall hatte. Und wenn es drauf ankam, dann konnte der Schäfer mit dieser kleinen Schaufel einen Brocken Erde nehmen und sehr zielsicher auf das Schaf werfen, das gerade irgendetwas machte, was er nicht wollte. Zum Schlagen brauchte er seinen Hirtenstock nie!
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Foto: Astrid Ohletz
„Die eine oder andere Watschn kann ich nicht ausschließen.“ So formulierte es der oberste Hirte von Augsburg am letzten Freitag. Die Wochen zuvor hatte er - mit reinem Herzen - denen rechtliche Schritte angedroht, die sich an seine Prügel als Stadtpfarrer von Schrobenhausen erinnerten. Er selber konnte sich nicht mehr erinnern.
Es waren nicht die Schafe, die in die Irre gingen, sondern die Hirten. Bischof Mixa ist einer der vielen Hirten, die in ihrem Amt gefehlt haben:
Körperliche Gewalt, sexuelle Übergriffe, Missachtung, Lieblosigkeit. Wir lesen täglich in den Zeitungen, hören und sehen es in den Nachrichten – eine Lawine wurde da ausgelöst, nachdem die ersten Opfer zu erzählen begannen und dadurch andere ermutigt haben, auch ihr jahrelanges Schweigen zu brechen.
Es liegt mir fern, mit Häme auf die katholische Kirche zu blicken und die Hände in Unschuld zu waschen, weil ich evangelisch bin. Vielmehr bin ich tief betroffen von den Leiden der Opfer. Und es trifft mich sehr, was Menschen ihren Schutzbefohlenen angetan haben und antun. Denen, die sie eigentlich beschützen sollen. Und wie manche mit der Schuld umgehen, die sie auf sich geladen haben.
Da bin ich dann doch ein wenig froh über unsere evangelische Bischöfin Käsmann, die ohne Wenn und Aber zurückgetreten ist von all ihren Ämtern, weil sie verantwortungslos gehandelt hat, als sie alkoholisiert Auto gefahren ist.
Aber die Praxis in der Katholischen Kirche ist schon bitter: dass Priester ganz schnell des Amtes enthoben werden können, wenn sie, wie vor Jahren auf dem ökumenischen Kirchentag in Berlin geschehen, mit uns Evangelischen das Abendmahl teilen. Aber Gewalt gegen Kinder und falsches Zeugnis ablegen sind nicht Grund genug?!
Dabei braucht es gute Hirten – eine Menge. Für all die großen und kleinen Menschen, die sich nach Geborgenheit sehnen, nach Hilfe und Schutz. Für die, die in die Irre gehen und die verloren gehen würden, wenn ihnen keiner nachgeht.
Schafe und Hirten - die Rollen wechseln, sind nicht so fest verteilt. Den einen Tag bin ich die Hirtin: als Erwachsene, als Pfarrerin, als Mutter, als Nachbarin oder Freundin. Und am anderen Tag bin ich die, die Hilfe braucht und Rat, die schwach sein kann und nicht weiter weiß. Sie kennen das alle selbst. Keiner ist nur Schaf und keine nur Hirte. Aber wir wissen auch, es ist viel einfacher, mit der Herde zu blöken und die Hirten zu kritisieren. Selber die Richtung zu zeigen und den Weg zu finden, die Konsequenzen zu tragen und für die Folgen einzustehen ist ungleich schwieriger.
Wenn uns Kinder anvertraut sind, als Eltern oder in den Familien, in den KiTas und Schulen, in Gemeinde und Nachbarschaft, da sind die Rollen klar, da sind wir Erwachsenen die Hirten. Denn ohne gutes Geleit gehen die Kinder in die Irre. Sie brauchen Eltern, die liebevoll die Richtung weisen, sie brauchen Erwachsene um sich herum, die nicht wegsehen und Vorbild sein können. Sie brauchen Erzieher und Erzieherinnen, die es ernst meinen mit ihrer Aufgabe und dabei die Liebe nicht vergessen.
Die kleinen und die schwachen Schäfchen in unserer Gesellschaft, die sind uns zuallererst ans Herz gelegt, sie zu beschützen und gut auf sie Acht zu haben. Gott hat uns berufen, seinem Sohn Jesus nachzufolgen und wie er hilfreich und liebevoll zu sein.
Priestertum aller Gläubigen, so hat es Martin Luther genannt. Und der eine gute Hirte braucht uns alle, damit die Herde sicher und gut den Weg findet. Und wir brauchen den guten Hirten, weil wir sonst die Richtung verlieren würden.
So mancher Hirte, das wird uns in diesen Zeiten klar, hat den Auftrag und den Auftraggeber aus dem Blick verloren, hat die Liebe verraten und anderen Leiden zugefügt.
Es ist gut, dass all diese Geschichten nun endlich erzählt werden. Damit wir die trösten, denen Leid widerfahren ist und die ermahnen, die daran schuldig geworden sind.
Und es ist gut, die Geschichten vom guten Hirten Jesus zu erzählen und von den Hirten auf dem Feld und all den vielen guten Hirten und Hirtinnen, die es gab und gibt und die uns Mut machen. Damit wir alle besser aufeinander acht haben und füreinander sorgen. Damit die Schäfchen, damit wir alle gut beschützt leben können. Im Vertrauen darauf, dass Gott für uns da ist und Christus uns als der gute Hirte vorausgeht und leitet.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen!