Mirjamsonntag 2010

August 2010                                                                 Text und Photos: Uta Walger

"Sammle du unsere Tränen in einen Krug"

Der Mirjamsonntag wurde auch in diesem Jahr 
als gemeinsamer Gottesdienst aller Bezirke gefeiert, dieses Mal in der
in Epiphaniaskirche in Bickendorf.

Der Mirjamsonntag soll helfen, die Ziele der ökumenischen Dekade „Kirchen in Solidarität mit
den Frauen“ weiter zu tragen und zu aktualisieren.
Es geht um Themen zur Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen in Kirche und Gesellschaft.
Biblische Geschichten, die von Frauen erzählen,
werden besonders in den Mittelpunkt gestellt.

Der Arbeitskreis Frauenreferat Braunfels und Wetzlar hatte für dieses Jahr die Arbeitshilfe erstellt und als Bibeltext Lukas 7,36 - 50 ausgesucht: die Geschichte der Sünderin, die Jesus die Füße salbt.

Für die Gemeinde Bickendorf kam ein Kreis von Frauen zusammen, um den Gottesdienst vorzubereiten.

Liturginnen (v.l.n.r.): Uta Walger, Monika Koch, Christiane Piel, Marion Knappik, Margit Seimel, Conny Hof, Angela Köhnlein, Sybille Noack-Mündemann.

Psalm 56     (in einer Übertragung von Peter Spangenberg)

Lieber Gott,
nimm mich in den Arm, ich habe den Eindruck,
ganz viele Menschen sind gegen mich.
Manchmal ist das auch ganz offen,
dass sie gegen mich kämpfen.

Mit allen meinen Sorgen flüchte ich zu dir.
Ich bin bei dir so gut aufgehoben
und fühle mich geborgen.
Was können mir Menschen tun?

Trotzdem: die anderen stellen mich in Frage,
sie kritteln an mir herum, sie nehmen mich nicht ernst.
Sie bilden Gruppen und Cliquen,
bei denen ich draußen vor bleibe.

Oft bin ich so wütend,
dass ich ihnen Zecken an den Hals wünsche.
Ich schäme mich. Ich heule. Ob du meine Tränen zählst?
Doch, ich glaube, du zählst sie.

Du bist doch mein lieber Gott.
Was Du sagst, will ich hoch in Ehren halten.
Was können mir dann schon Menschen tun?
Ich habe dir versprochen, dass ich dankbar sein will,
Das will ich auch;
denn du machst mich immer wieder stark
Und zeigst mir jedes Mal einen neuen Weg,
den ich beschreiten kann. Amen

Kyriegebet

Gott, unsere Tränen erzählen von unserer Trauer,
von den kleinen und großen Abschieden, die auf uns lasten,
Da werden Kinder groß, da endet eine Liebe,
da steht ein Umzug ins Haus, da stirbt ein Mensch,
Du, Gott, du siehst unsere Tränen.

Gott, wir bitten dich:
Sammle Du unsere Tränen in deinen Krug.

Gott, unsere Tränen erzählen von den Ausgrenzungen und Verletzungen,
die wir immer wieder erleben.
Da sind Wege zu Bildung und Ausbildung versperrt,
da ist Mobbing, da scheitern Neuanfänge, weil unser Gegenüber am Gestern festhält.
Da sind die vielen Ungleichheiten und Differenzen, die Teilhabe unmöglich machen.
Du, Gott, du siehst unsere Tränen.

Gott, wir bitten dich:
Sammle Du unsere Tränen in deinen Krug.

Unsere Tränen erzählen auch von unseren Gefühlen, sie sind ein Spiegel unserer Seele.
Da sind Wut und Verzweiflung. Da sind Scham und Angst.
Da sind Erleichterung und Hoffnung. Da sind Freude und Glück.
Du, Gott, du siehst unsere Tränen.

Gott, wir bitten dich:
Sammle Du unsere Tränen in deinen Krug.

Zuspruch

Wer wir auch sind, Gott sieht unsere Tränen.
Gott nimmt sich unserer Tränen an, schenkt uns Versöhnung und Vergebung.
Und es kommt die Zeit,
da wird Gott abwischen alle Tränen.
Denn Gott spricht:
Siehe ich mache alles neu.

Frauen erzählen

Eine Frau:  Ich habe mir etwas vorgenommen: etwas Unerhörtes!

Nun stehe ich vor Simons Haus – was erwartet
mich? Werde ich zu Jesus kommen, wird er mich gewähren lassen oder werden sie mich direkt
wieder vor die Tür setzen?

Eine Männerrunde da drinnen – und ich eine
Frau, nicht erwünscht. Natürlich nicht, denn ich
bin nicht irgendeine! Ich bin die Sünderin! So
reden die Leute über mich.

Aber was wissen die schon? Von mir, von meinem Leben, meinen Wünschen und Träumen, meinen Sorgen und Nöten.

Jetzt will ich es wagen – durch diese Tür gehen und eine Grenze überwinden. Mir wird ganz schlecht vor lauter Aufregung und Angst. Gleichzeitig freue ich mich: ich werde Jesus sehen!  Nein, nicht nur sehen, ich werde ihn auch berühren, ihm meine Liebe zeigen. Und ich will es mit ganzem Herzen.

Erste Sprecherin: Schon wieder eine Fünf in Mathe! Es wird immer schlimmer mit dem Kind. Und Katrin wird mit der Situation nicht mehr fertig. Alles bleibt am ihr hängen, alles muss sie alleine schaffen und entscheiden!

Sie liebt ihr Kind, aber heute ist sie einfach nur enttäuscht. Jeden Tag kämpft sie mit ihrem Sohn herum und jeden Tag wächst der Druck. Sie ist traurig und hat Angst – wie soll es nur weiter gehen? Tränen hat sie nicht mehr und Kraft auch nicht. Aber sie weiß, so geht es nicht weiter. Vielleicht kann sie sich Hilfe holen?

Zweite Sprecherin: Tränen, Lachen, Erleichterung! Alles zusammen. Jetzt ist sie da, ihre Tochter ist geboren. Gesund ist sie und süß.

Die letzten Monate waren beschwerlich für Simone. Die Übelkeit am Morgen, die Rückenschmerzen, die Angst, das Kind könnte krank zur Welt kommen.
Aber in diesem Augenblick sind all die Sorgen vergessen. Das Baby ist da! Und mit ihrem Freund zusammen wird sie es schaffen.

Eine Frau: Ich gebe meinem Herzen einen Stoß und öffne die Tür. Bleibe stehen. Tränen schießen mir in die Augen. Jetzt bloß nicht weinen!

Alle sehen mich an, hören auf zu reden. Ich bin aufgeregt, schäme mich, freue mich – alles gleichzeitig.
Weiter gehen! Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich lasse den Tränen ihren Lauf, hab das Gefäß mit dem Salböl fest in der Hand und gehe zu Jesus.

Dritte Sprecherin: Sabine steht vor dem Spiegel. Sie sieht eine berufstätige Mutter, Ehefrau, Ehrenamtliche und Pflegekraft. Jeder dieser Bereiche erfordert ihre ganze Kraft und Energie. Nur wenig Anerkennung gibt es für all ihre Mühen. Ihre Arbeit ist doch selbstverständlich.

Sie muss einfach funktionieren, damit das Geld stimmt, damit die Familie zusammen bleibt, damit soziale Kontakte nicht verloren gehen, damit die Eltern einen guten Lebensabend haben. Auch die ehrenamtliche Arbeit, die ihr anfangs so viel Freude gemacht hat, ist jetzt mehr Last als Lust.

Hinter all diesen Rollen sieht sie sich selbst nicht mehr im Spiegel. Das schmerzt. Sie spürt einen Kloß im Hals, aber die Tränen wollen nicht kommen.
Sie muss sich auch um sich selbst sorgen, sich um die eigene Seele kümmern, nicht nur um andere. Sie muss etwas verändern. Sie kann die Tränen schon schmecken.

Vierte Sprecherin: Julia hat morgen ihren ersten Arbeitstag nach jahrelanger Familienpause. Sicher hat sich viel verändert. Die letzte Fortbildung ist auch schon länger her.

Die Anspannung zerreißt sie fast. Ihr Mann findet sie völlig aufgelöst im Schlafzimmer. Er nimmt sie einfach in den Arm und sagt: “Du schaffst das! ICH glaube an dich!“

Da öffnen sich alle Schleusen in ihr. Ein nie gekannter Tränenstrom bahnt sich seinen Weg. Das tut so gut! Diese einfachen Worte und die Berührung lösen die Anspannung in ihr, und das Selbstvertrauen kommt wieder. Ja, ich schaffe das. Ja, ich glaube auch an mich.

Fünte Sprecherin: Sicherheit - für
Petra ist Sie wichtig. Wie oft hat sie
an eine sichere Zukunft geglaubt, schließlich hat sie eine gute Ausbildung und gute Beurteilungen. Wie viele Bewerbungen, wie viele Gespräche und immer wieder Absagen. Mal war sie zu
alt, mal hatte sie zu wenig Erfahrung,
mal war sie überqualifiziert.

Was macht Petra falsch, ist da wirklich kein Platz für sie in dieser Gesellschaft.
Immer wieder das Auf und Ab von Hoffnung und Enttäuschung. Wie oft hat sie Tränen der Enttäuschung geweint.

Doch Petra weiß, einmal wird sie diesen Satz hören: „Sie haben die Stelle!“ Und dann wird sie Tränen der Freude weinen und endlich ein Gefühl der Sicherheit verspüren.

Eine Frau:  Nein, das habe ich nicht nur geträumt. Das war wirklich! Ich habe zu seinen Füßen gesessen, habe sie gesalbt, und er hat mich nicht fort geschickt. Jesus hat mich vor allen anderen in Schutz genommen, zuletzt hat er zu mir gesagt: „Gehe hin in Frieden!“

Und das tue ich wirklich. Ich schäme mich nicht, dass ich vor allen geweint habe. Ich schäme mich nicht, ich selbst zu sein. Denn das habe ich begriffen: man muss etwas wagen und Vertrauen haben, das ist der einzig mögliche Weg. Jetzt kann sich etwas ändern in meinem Leben, ach, es hat sich ja schon etwas geändert.

Noch bin ich nicht angekommen – noch ist es ein weiter Weg. Ich gehe ihn in Frieden.

Taufe und Salbung

Die Gemeinde ist eingeladen, zur persönlichen Salbung der Hände zu einer der fünf Liturginnen zu kommen, die mit Salböl bereitstehen, salben und ein Segenswort zusprechen.

Fürbitten

„Geh hin in Frieden“ hat Jesus gesagt, und gemeint, dass es möglich ist, in geschwisterlicher Gemeinschaft zu leben und trotzdem geachtet und angesehen als eigene Person; mit eigenen Ansichten, Lebensweisen und Weisheiten.

Wir bitten für alle,
die am Rande unserer Gesellschaft stehen, weil sie nicht unseren Normen entsprechen.
Für alle, die heimatlos unter uns leben, dass sie wenigstens in unseren Gemeinden ein Zuhause finden.
Kyrie eleison

„Geh hin in Frieden“ hat Jesus gesagt, und gemeint, dass es möglich ist, dass alle Menschen an den Gaben der Schöpfung Teilhabe genießen.

Wir bitten für alle,
die in Armut leben und Hunger leiden müssen, dass die Güter dieser Welt gerechter geteilt werden. Für alle, denen Wege zu Bildung und Ausbildung versperrt sind, damit menschen-würdiges Leben gestärkt wird.
Kyrie eleison

„Geh hin in Frieden“ hat Jesus gesagt, und gemeint, dass es möglich ist, Neues zu schaffen; dass Männer und Frauen gleichberechtigt leben und handeln können.

Wir bitten für alle,
die täglich erleben und erleiden müssen, dass Männern und Frauen noch immer nicht die gleichen Rechte zugesprochen werden, wie gleiches Geld für gleiche Arbeit oder gleiche Aufstiegschancen im Beruf.
Kyrie eleison

„Geh hin in Frieden“ hat Jesus gesagt, und gemeint, dass es möglich ist, sich aus Fesseln und Zwängen zu befreien.

Wir bitten für alle,
die für eine menschenfreundliche Welt streiten, dass sie Gehör finden. Wir bitten für alle, die an unseren Systemen verzweifeln, dass sie den Mut und die Kraft finden, ihre Not kundzutun und sich Hilfe zu holen.
Kyrie eleison

„Geh hin in Frieden“ hat Jesus gesagt, und gemeint, dass es nötig ist, dass wir uns ändern und den Nächsten und die Nächste in den Blick bekommen.

Wir bitten für uns,
schenke uns Gespür für die verschiedenen Wirklichkeiten und Nöte der Welt, dass wir aufeinander zugehen, miteinander teilen und füreinander einstehen.
Kyrie eleison

Aus: Arbeitsheft zum Mirjamsonntag 2010  "Tränen, die anrühren, berühren, aufrühren", dazu eigene Texte und Ergänzungen des Vorbereitungskreises.