Helmut Gollwitzer

Krummes Holz – aufrechter Gang

April 2009                                                                  Artikel und Photos: Uta Walger

Womit bekommt man zu tun, wenn man es
mit dem Evangelium zu tun bekommt?

Ein Bericht über ein Projekt in der
Justizvollzugsanstalt (JVA) Ossendorf
zu Thesen Helmut Gollwitzers

Von Pfarrerin Uta Walger
 

„Wir sind geliebter, als wir wissen“

„Haben Sie früher einen Lehrer gehabt, den Sie bewundert haben?“ Die Gäste, das Vorbereitungsteam und etwa 50 Männer, die an diesem Sonntagmorgen zum Gottesdienst gekommen sind, überlegen und erzählen. Mit dieser Einleitung beginnt Pfarrerin Eva Schaaf den Gottesdienst in der JVA Ossendorf und erzählt selbst davon, wie Helmut Gollwitzer für sie und für viele andere solch ein Lehrer gewesen ist.

Dieser Gottesdienst war der Abschluss eines Projektes der Melanchthon-Akademie und der Ev. Seelsorger/innen der JVA Ossendorf mit einer Gruppe von Inhaftierten, in dem es um 15 Thesen ging, die Helmuth Gollwitzer formuliert hat. Ich war mit meinen Erfahrungen in Kunsttherapie eingeladen worden, den kreativen Teil des Seminars zu leiten.

„Alles, was wir tun, hat unendliche Perspektiven - Folgen bis in die Ewigkeit; es hört nichts auf“

Im erster Schritt ging es darum, den Theologen und viel beachteten Lehrer Gollwitzer, der im vergangenen Winter 100 Jahre alt geworden wäre, den Menschen im Gefängnis nahe zu bringen.

Pfarrer Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, hatte das Projekt angeregt und freute sich nach dem Gottesdienst: „Das hätte Gollwitzer gefallen!“ Und damit meinte er die Art und Weise, wie die Beteiligten miteinander und mit den Thesen ins Gespräch gekommen waren. Denn obwohl diese 15 Sätze Gollwitzers aus der Zeit der Studentenunruhen der 68er Jahre stammten, waren sie keineswegs veraltet.

Martin Bock ließ am Anfang des dreitägigen Seminars in der JVA anhand einzelner Thesen das Leben Gollwitzers lebendig werden. Er lud ein, den Lebensweg Gollwitzers zu verfolgen – seine Jugend im Pfarrhaus, sein Studium bei Karl Barth, seinen Widerstand im 3. Reich, seinen Weg als Lernender und Lehrender, als politischer Christ und kritischer Theologe. 

Martin Bock erzählte auch von Gollwitzers Besuchen damals bei Ulrike Meinhof im Hochsicherheitstrakt der JVA Ossendorf und von der Kritik, die ihm der Kontakt mit den Terroristen eintrug.

Gollwitzer war nicht nur der geliebte Lehrer, dessen Haus immer offen war für seine Student/innen, er wurde auch angefeindet wegen seiner kompromisslosen Haltung als politischer und unbequemer Christ.
 

"Nichts ist gleichgültig. Ich bin nicht gleichgültig."

Am 2. Tag sollten die Teilnehmenden selber aktiv und kreativ werden und sich den Thesen selbst zuwenden. Dazu war die ganze Gruppe, es waren 10 Männer und Frauen aus der Gottesdienstvorbereitung sowie die zwei ev. Gefängnisseelsorger/innen Claudia Malzahn und Dieter Betkowsky, in das Atelier in der JVA umgezogen. Ich lud alle zunächst ein, sich jeweils eine der Thesen auszusuchen, die einen besonders ansprach. Aufgabe war es dann dieser These mit bunter (Zucker)Kreide auf schwarzer Pappe Form und Farbe zu geben.

„Die Welt ist herrlich - die Welt ist schrecklich“

Nach dieser kreativen Einzelarbeit wurden die Bilder zu den Thesen angesehen. Die Ergebnisse waren beeindruckend. Der Maler / die Malerin sollte sich zunächst mit Erläuterungen zurückhalten, die anderen schauen lassen. Wir beschrieben, was wir auf einem Bild sahen, rätselten und deuteten, tauschten unsere Gedanken dazu aus – sehr persönlich und sehr wertschätzend. Zuletzt hatte dann der Maler / die Malerin das Wort.

So rückte jede/r einmal in den Mittelpunkt, zunächst durch die Bildsprache und die Auswahl der These, dann durch das, was er/sie den anderen erzählte. Lebensgeschichte, die Zerrissenheit von Sehnsucht und Wirklichkeit, Glaube und Zweifel, all das fand seinen Ausdruck in den Bildern und Gedanken, die hier geteilt wurden.

Der Rest des zweiten Tages gehörte der Gruppenaufgabe, aus den vielen einzelnen Bildern ein Ganzes zu machen. Mit großen Bögen Packpapier, mit Klebstoff und Stiften wurde sortiert und zugeordnet, diskutiert und schließlich ein großes Wandbild geschaffen. Dies sollte mit in die Gottesdienste genommen werden, die es am dritten Tag vorzubereiten galt.

„Wir kommen aus Licht und gehen ins Licht“

Die Gruppe der Inhaftierten ist darin eingeübt, Gottesdienste vorzubereiten
und zu begleiten. Sie trifft sich wöchent-
lich in den Räumen der Seelsorge.

Doch in dieser Intensität ein Thema zu bearbeiten, war auch für sie etwas besonderes. So ließen sie die Erlebnisse der Vortage in Texte einfließen, die sie
an diesem dritten und letzen Seminartag verfassten, es wurden Lieder und Lesungen ausgewählt, der Ablauf des
Gottesdienstes und die einzelnen
Beiträge besprochen.

Gefeiert wurde der Gottesdienst dann mehrere Male, denn die „Gemeinde“ kommt aus verschiedenen Hafthäusern, Männer und Frauen getrennt. Sie alle sollten teilhaben am Projekt „krummes Holz, aufrechter Gang“, in dem es mit dem Lehrer und Querdenker Helmut Gollwitzer darum ging, uns Glauben und Hoffnung auch und gerade in einer schwierigen und zerrissenen Welt nahe zu bringen. Helmut Gollwitzer drückte es einmal so aus: „Die Sinnfrage wird uns in allen ihren Formen – warum Übel, warum Leid, Tod usw. – nicht einfach im Evangelium beantwortet, sondern die Antwort wird uns erst verheißen. Durch diese Verheißung können wir leben, ein Leben mit ungelösten Fragen. Mit ungelösten Fragen leben, das scheint mir eigentlich das Wichtigste.“

Auch in den Kirchen der Gemeinde Bickendorf wurden Gottesdienste mit den entstandenen Bildern und Texten zum Thema "Krummes Holz - aufrechter Gang" gefeiert. An einem Termin konnten Gäste aus der JVA teilnehmen und den Gottesdienst mitgestalten. Die entstandenen Texte finden Sie hier.

Bücher zum Thema:

…und führen, wohin du nicht willst. Bericht einer Gefangenschaft.
Helmut Gollwitzer, München 1951

Krummes Holz, aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens.
Helmut Gollwitzer, München 1970

Der Querdenker. Wie Helmut Gollwitzer Christen für den Frieden gewann.
Ralph Ludwig, Berlin 2008

                                                                                     Text und Photos: Uta Walger

Auch im Jahr 2010 hat es ein gemeinsames Projekt von Gemeinde, Melanchthon-Akademie und Ev. Seelsorge in der JVA Ossendorf gegeben, Thema war "das Kreuz im Advent", Texte und Predigt aus dem Gottesdienst in der Gemeinde finden Sie hier